Montag, 16. Januar 2017

Helgoland


Blick vom Oberland auf die Düne - (m)ein Sehnsuchtsort

Im vergangenen Jahr hatte ich zwei Mal das Vergnügen, auf Helgoland arbeiten zu dürfen. Überhaupt habe ich sehr viel gearbeitet im vergangenen Jahr. Viel arbeiten ist so ein Dauerthema in meinem Leben. Das wäre ja nicht schlimm, aber die Pausen kommen doch zu kurz, das muss ich schon zugeben. Wie machen die das, denke ich, wenn ich bei der Kaltmamsell und beim Herrn Buddenbohm lese. Beide gehen arbeiten und ab und an auch aus, sie lesen Bücher und schreiben darüber, sie kochen und backen, der eine tanzt, die andere macht reichlich Sport, und beide bloggen mit verlässlicher Regelmäßigkeit – über unterschiedliche (!) Themen obendrein. Herr Buddenbohm hat zudem Kinder, da fällt mir vor lauter Ehrfurcht über so viel Realitätsbewältigung gar kein passender Ausdruck ein.


Der Helgoländer Leuchtturm ist eckig 

Ich arbeite auch, blogge aber kaum. Hm. Froh macht mich das nicht. Das Arbeiten oft schon, nicht zu bloggen hingegen nicht. Sport, Tanz und Lesen kommen auch zu kurz, ebenso Müßiggang im Allgemeinen und nicht zu letzt der Schlaf. Irgendwas mache ich bei der Einteilung persönlicher Zeit grundsätzlich verkehrt (und das ohne Kinder). Ich ahne das und weiß doch nicht recht einen Ausweg. Es ist nämlich nun auch nicht so, dass mir mit all dem Geld, dass ich dieserart als Selbstständige erwirtschafte, goldene Zeiten im Alter bevorstünden. So gut rechnen kann selbst ich.

Damit das neue Jahr nicht übergangslos dem alten ähnelt habe ich es, um mir selbst den guten Willen zu beweisen, mit Urlaub begonnen. Und weil die freie Zeit auch bei meinen Jobs auf Helgoland - trotz planerischer Berücksichtigung - rasant zu kurz gekommen ist, bin ich nun nochmal hingefahren. Zum nachholen quasi. Und zwar mit Ehemann, der glücklicherweise aufrichtig begeistert wirkte.



In ihrer Rubrik Serviceblog hat Isa kürzlich folgende Frage beantwortet: „Was kann man bei schlechtem Wetter auf Helgoland machen?“
„Nichts“, war ihre fröhliche Antwort (und noch etwas mehr, seht selbst).
„...und dann ist man fertig mit allem und muss nichts mehr machen.“ lautet ihr Fazit, das in mir die Gestaltung meiner Urlaubstage heilstiftend determiniert hat.



Nichts ist natürlich ein Begriff, der reichtlich Raum für Interpretation bietet. Ich erinnere mich an ein Interview in einer Dokumentation über Klaus Bednarz' Reisen an den Baikalsee, in dem er erzählt, dass er, wieder zuhause, viel Zeit damit verbringt, am Fenster zu sitzen und hinauszuschauen. 'Sie machen also Nichts?' hat die Journalistin ihn erstaunt gefragt, und er antwortete sinngemäß: Ja, wenn Sie das so sehen, dass am Fenster sitzen und hinausschauen Nichts ist, dann mache ich wohl nichts.“
Die Doku habe ich vor gut 15 Jahren gesehen und ich habe mir fast nichts daraus so gut gemerkt, wie diesen Satz, nein diese Replik (neben der Erkenntnis, dass ich eines Tages auch mal an den Baikalsee reisen möchte.)



Erholsam Nichtstun kann ich gut im Laufen. Sehr gerne schweige ich dabei. Manchmal fange ich an zu singen - das ist für mich selbst immer überraschend, aber auch stets ein gutes Anzeichen von Kontemplation und Erholung. Überhaupt erhole ich mich recht schnell, zumindest was den Wieder-Zugriff auf eigene Ideen im Speziellen und kreatives Potential im Allgemeinen angeht. Das beruhigt mich immer sehr. Wie bei so'm Sportler; Kondition ist, wenn man schnell wieder zu Atem kommt.



Meine Reisebegleitung (die ich sehr gut leiden kann)

Laufen geht auf Helgoland sehr gut. Also gehen, meine ich. Herumlaufen. Schlendern, Wandern – mal zügig, mal langsam. Je nachdem. Wenn man sich viel Zeit lässt und sich gründlich umsieht braucht man - für mein Empfinden - mindestens drei Tage, um das Wichtigste gesehen zu haben. Noch mal drei Tage obendrauf schaden in keinem Fall, denn bei anderem Wetter sieht alles ganz anders aus, und beim zweiten Mal sieht man ja ohnehin viel mehr, nicht wahr. Und auch bei weiteren drei Tagen wird es einem nicht langweilig, vorausgesetzt, man kann sich selbst halbwegs leiden (und auch seine Reisebegleitung).



Helgoland als Tagesausflug - das ist sicher möglich, aber kann nur mangelnder Zeit geschuldet sein oder mit dem Versprechen an sich selbst enden, recht bald für mehrere Tage wieder zu kommen. Ach so, offiziell gilt ja auch der zollfreie Einkauf als Reisegrund. Da ich selbst aber deutlich kaufresistent bin, habe ich da einen blinden Fleck.



Helgoland hat auch reichlich Geschichte. Nun bin ich die falsche für kundig-verbindliche Auskünfte und will auch keinen Bildungs-Druck aufbauen, aber für alle, die eine Reise in Erwägung ziehen: das ist schon alles sehr, sehr interessant und es gibt viele Möglichkeiten, sich der bedrückend beeindruckenden Geschichte Helgolands zu widmen.










Während unseres Aufenthaltes habe ich viele Fotos gemacht, wobei mein Vorsatz klar umrissen war: die Leichtigkeit beibehalten. So kommt es, dass ich ein oder zwei Ideen, die mit Aufwand, ja sogar Disziplin verbunden gewesen wären, nicht umgesetzt habe. Tja, muss ich eben nochmal hin, hurra.

Insgesamt sind ohnehin sehr viele Fotografen auf der Insel. Manchmal habe ich morgens aus dem Fenster geschaut und mich gefragt ob gleich irgendwo eine außerplanmäßige Bundespressekonferenz stattfindet oder ein wichtiges Fussballspiel. Da wird schweres Gerät über die Insel geschleppt und so manches Mal dachte ich mir, ach, komm, noch mehr Fotos braucht kein Mensch. Aber es macht mir nun mal so viel Freude, also hab ich doch fotografiert.
Die meisten fotografiebegeisterten kommen wegen der Landschaft und (jahreszeitenabhängig) wegen der ausgesprochenen Vogelvielfalt Helgolands und den Robben. Da sind natürlich lange Brennweiten hilfreich, und die sehen schnell martialisch aus.



Nun sind auch diese Fotos wieder (fast) menschenleer. Es ist tatsächlich so; Menschen anzusprechen um sie zu fotografieren erscheint mir - seit einer Weile und anhaltend - wahnsinnig anstrengend. Es ist nicht so, dass mich niemand interessiert oder der Impuls komplett ausbliebe. Aber ich hab es immer so gehalten, mich nicht allzu sehr zu forcieren, um meinem Gegenüber (und mir selbst) auch gerecht werden zu können.
Bei allen drei Helgolandaufenthalten habe ich mir manches Mal selbst mit Bedauern zugesehen, wie ich mit schweren Armen dastehe und keine Initiative mich ergreift und Sachen sagen lässt wie: „Ich hab da so einen Blog, in dem ich Menschen vorstelle ...“
Ich wünsche mir, dass sich das wieder ändert und ich lausche sehr aufmerksam in mich hinein, um den Moment nicht zu verpassen.







Häuser gibt's auf Helgoland natürlich auch. Ich zeig demnächst mal (m)ein paar Fotos.





Freitag, 13. Januar 2017

Die Rigi und der Nebel


Der Rigi-Artikel ist ursprünglich im Mai 2014 in meinem Zweitblog Hintergrundrauschen erschienen. Dort habe ich in zwei Jahren keine zehn Posts veröffentlicht. Die Idee, mir ein zweites Forum abseits dieses Blogs zu erschaffen, um dort über ich weiß-auch-nicht-was-ich-mir-gedacht-habe zu schreiben, ist allzu schnell versandet. So habe ich mich im Zuge meiner derzeitigen digitalen Aufräumarbeiten entschieden, den Laden wieder dicht zu machen. Das fällt mir nicht sehr, aber doch erfreulich leicht. Bloß um die Rigi würde ich weinen müssen, deswegen nehme ich sie einfach mit hierher. Einige werden sich vielleicht erinnern; hoffentlich so gerne wie ich.



Irgendwo oben auf der Rigi – der Königin der Berge – dem Hausberg von Luzern, irgendwo dort oben hab ich mein Herz an diesen Berg verloren. Ob auf 1500 Metern oder ganz oben am Gipfel – ich weiß es nicht.

Nicht etwa die Aussicht betört mich, nicht der weite Blick auf das Schweizer Umland oder den Vierwaldstättersee. Kein unendlich blauer Himmel taucht gemeinsam mit der Sonne die Rigi in verführerisches Licht. Nein, sehr viel zu sehen gibt es bei meinem ersten Besuch auf der Rigi nicht. Überall ist Nebel.


Es ist der Berg selbst, der mein Herz leise an seine Hand nimmt. Es ist die wassergraue Stille der Rigi, die mir immer nur die nächsten zwanzig, dreissig, später hundert Meter von sich zeigt. Es ist der Nebel, der die Rigi küsst und mich umfängt und der den Klang meiner Schritte sachte vergessen macht.

Stumm erzählen die Rigi und der Nebel mir ihre Geschichte. Sie handelt von einer alten Liebe.





























Je weiter ich talwärts gehe, desto mehr zieht der Nebel sich zurück. Es ist beinahe schade.

Drei Tage später bin ich nochmal auf der Rigi. Ich freue mich, sie wiederzusehen. Die Sicht ist diesmal klarer, es ist kalt. Irgendwann in den letzten Tagen hat es geschneit.
Der Nebel winkt aus den Wolken herüber.












Mittwoch, 11. Januar 2017

Neulich so in Rotterdam - oder vom unbeschwerten Dribbeln


Blick aus dem Hotelfenster vom De Rotterdam in luftiger Höhe

So. Das neue Jahr hat kaum angefangen, da blogge ich einfach mal kopflos was dahin. Es ist nämlich so, dass ich, sobald es um meinen Blog geht, viel zu viel nachdenke. Soviel zumeist, dass ich vor lauter Grübeln, Zaudern und Zweifeln zu gar nichts mehr komme, schon gar nicht zum Bloggen.

Es ist beinahe wie ganz am Anfang; damals im März 2009. Da hab ich nach ausgiebigem Anlauf in einer gefühlt wagemutigen Stunde bei Blogspot Nägel mit Köpfen gemacht (ähem, Wörter getippt und Enter gedrückt) und diesen/dieses (ich weiß es nach all den Jahren noch immer nicht, wie es nun wirklich heißt) Blog eingerichtet.

Ich hatte damals eine Chaiselongue, die war antik und grün. Darauf saß ich, natürlich grübelnd. Ein Blog-Name musste her. Als ich den gefunden zu haben glaubte (eine Entscheidung, die ich viele Male bereut habe, genau wie meinen Einzug bei Blogspot) war ich vom vielen Denken zu erschöpft um mich den entmutigenden Stimmen, die in meinem Kopf seit jeher ein behagliches Zuhause haben, zu stellen.
Es war also quasi alles bereit (Layout,Name, Thema...), bloß ich nicht. Über ein halbes Jahr hat es noch gedauert, bis eine, in meinem Erleben furchtbar entblößende Situation stattgefunden hat, nach der ich mich am liebsten nur noch unter besagter Chaiselongue verstecken wollte. Meine Scham, deren Anlass ich heute übrigens kaum noch rekonstruieren kann, war derart groß, dass ich mit Fatalismus reagiert habe. So kam mir plötzlich folgender Gedanke in den Kopf: dann kann ich ja jetzt auch den Blog mal öffentlich machen und zeigen. Zeigen, was ich so tue, was ich mir so ausgedacht habe. Dann ist es eben schlecht, na und!?

So war das damals. Allzu weit entfernt bin ich vom damaligen Grübelgrad nun nicht entfernt - seit einer sehr großen Weile übrigens schon. Was sich ja an der Frequenz der erschienenen Posts deutlich ablesen lässt.
Gelernt hab ich offenbar aus der Vergangenheit das Entscheidende nicht: im Tun wird ebendies womöglich besser. Durch Zaudern nicht.




„2017 - das Jahr des NICHT-Jammerns“, so schrieb mir heute Niels - der übrigens für sein unfassbar tolles Ganz Köln-Projekt tatsächlich ganz Köln abläuft, Fotos macht und Dinge dazu schreibt.
Ich, die gerade wieder die Blog-Problem-Schleife etwas fester zurren wollte, habe sofort innegehalten und direkt mal das erstbeste Störfeuer umgeleitet - in: Bloggen ist einfach - einfach losbloggen. Ist ja Irrsinn, nicht wahr, sich so vom eigenen Blog selbst beschweren zu lassen. Unbeschwert soll es sein, das Bloggen. Locker hingedribbelt. Oder so.
Nicht dass ich beim Schulsport früher beim locker hindribbeln ganz vorne dabeigewesen wäre, aber lassen wir das ...



Der Baukomplex De Rotterdam von Rem Koolhaas

Nun zeige ich in meinem Blog ja gerne und verlässlich Fotos. Also hab ich mal eben, zack, aus meinem aktuellen Foto-Archiv Bilder aus Rotterdam zusammengestellt. Dort war ich neulich zu viert, ein Umstand, der die Zusammenstellung der Fotos etwas beliebig wirken lassen mag; immerhin sind auf den meisten Fotos meine drei Reisebegleiter, die ich hier möglichst nicht mit reinziehen möchte, so dass die Auswahl überschaubar war.




Rotterdam ist eine Stadt, in der ich mich auf Anhieb erst mal gründlich unwohl gefühlt habe. Das mag auch am Hotel und der dortigen Bar gelegen haben, in der wir vier - alle einigermaßen überarbeitet - an einem „Alle-so-yeah“-Freitagabend einfach falsch waren. Mindestens ich bin durch derlei Außenwelt-Störungen mitunter tatsächlich zu beirren, so dass ich mir den Abend mühsam erspielen musste.




Wie wichtig das richtige Schuhwerk für zum Beispiel ausgiebige Stadtspaziergänge ist, konnte ich mir am folgenden Tag vom eigenen Fuß (hauptsächlich dem rechten) schmerzhaft vor Augen führen lassen. Wir sind viel und weit gelaufen und haben Architektur besichtigt. Das ist relativ leicht in Rotterdam, man muss einfach nur irgendwohin gucken, schon ist Architektur.
Ich schreibe das natürlich absichtlich so salopp; immerhin kann man das ja eigentlich über jede Stadt sagen. In Rotterdam versammeln sich aber architektonische Ideen unterschiedlichster Couleur auf relativ engem Raum, und nicht immer bezieht sich die eine Idee auf die unmittelbar danebenliegende. Für Architekten, die nach Fertigstellung ihres Bauwerks wieder nach Hause reisen dürfen mag das ok sein, für die Bewohner einer Stadt muss das nicht unbedingt gelten. Aber das ist nur meine laienhafte Meinung, die sich ganz aus meiner gewählten Menschen-Alltags-Perspektive nährt. Würde ich mit intellektuellerer Brille durch die Stadt gelaufen sein, wäre meine Beschreibung sicher anders - die Stadt als Museum und so.




Immerhin kann ich mir gut vorstellen, nochmal alleine mit der Kamera nach Rotterdam zu fahren. Alleine reisen, laufen, gucken kann den Blick und die situative Offenheit deutlich verändern, und man fällt auch den anderen nicht dauernd zur Last mit spontanen Richtungswechseln, die intuitiv zwingend erscheinen, wobei sich diese inneren Eingaben sowieso meist nur einstellen, wenn man alleine unterwegs ist. Bei mir zumindest ist das so.
Ich würde dann auch ein anderes Hotel wählen, wobei ich sagen muss, dass ich froh bin das De Rotterdam (Das Hotel heißt wie der Bau) kennengelernt zu haben. Es gibt zudem einen tollen Fotoband von Ruud Sies über die Entstehungsphase, die in mir ein inneres Begehren (jawohl) geweckt hat, auch ein so langangelegtes Bauprojekt fotografisch begleiten zu dürfen.










Hier soll nun textlich gesehen Schluss sein, für heute ausgedribbelt quasi. Spaß hats gemacht. Und das war ja der Plan.







Montag, 18. Juli 2016

„Und jetzt noch eine Samba aus Brasilien!“



Gustav Ribbe ist mit der Musik groß geworden und sie hat ihn um die halbe Welt geführt. Zehn Jahre lang ist er mit der MS Deutschland - dem Traumschiff - unterwegs gewesen. Er war auch auf anderen Kreuzfahrtschiffen, aber das Traumschiff kennt nun mal jeder und deswegen wird auf dem Schild an seinem Keyboard nur das Traumschiff erwähnt. Ein laminiertes Stück Papier, provisorisch mit zwei Plastikklemmen befestigt, gibt Auskunft wer da hinter dem Keyboard sitzt und spielt: Gustav Ribbe, Musiker, Konzertpianist, Kapellmeister.
Dabei kennen die meisten Gäste ihn ohnehin. Manche kommen seit Jahren nach Cuxhaven, um ihren Urlaub hier zu verbringen. Und dann besuchen sie Gustav Ribbe, wo auch immer er gerade spielt. Als ich Gustav Ribbe treffe spielt er gerade im Terrassenzelt vom Strandhaus Döse, wohin mich ein stürmischer Platzregen führt. Es sind nur wenige Tische besetzt, aber für die gibt Gustav Ribbe alles - und zwar bestens gelaunt und mit Leichtigkeit.



Gustav Ribbe ist in Heilbronn groß geworden und das hört man ihm an. Sein Vater war Generalmusikdirektor in Stuttgart und hat früh Gustav Ribbes musikalisches Talent gefördert. „Ich habe auch einen Bruder, aber der ist gar nicht musikalisch. Der kann nur eine CD einlegen.“ sagt Gustav.
Sein erstes Instrument hat Gustav zu spielen begonnen als er drei Jahre alt war. Heute spielt er acht oder neun Instrumente, so genau weiß er es gar nicht: „Schlagzeug, Vibraphon, Trompete, Klavier ... na, alles was in der Kiste da drin ist.“ Die Kiste, das ist Gustav Ribbes Keyboard, auf dem er spielt, seitdem er in Cuxhaven ist: seit beinahe zehn Jahren.




Nach der Schulzeit hat Gustav Ribbe das Hamburger Konservatorium besucht und auch eines in Baden-Württemberg. Als junger Mann hat er in Peter Frankenfelds Fernsehshow Vergissmeinnicht mitgewirkt, das erzählt Gustav Ribbe nebenbei. Seine längste berufliche Verpflichtung ist er bei der Nato eingegangen: dort war er beinahe 30 Jahre lang als Kapellmeister tätig und hat Militärmusik gemacht. Seit er dort aus dem Dienst ausgeschieden ist war er in der Welt unterwegs; in Amerika zum Beispiel und in der Schweiz: „In Zermatt, das war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben.“
Schließlich war er dann auf Kreuzfahrtschiffen engagiert: „Immer drei Monate waren wir unterwegs. Dann gab es eine kleine Pause und dann ging es auf dem nächsten Schiff weiter.“







Gustav Ribbe hat zehn Kinder: „Ich war fünf mal verheiratet.“ Kontakt hat er nicht zu allen Kindern, und auf meine Frage, ob er möglicherweise Kinder hat, von denen er gar nichts weiß, antwortet er ohne zu zögern: „Ja, das kann schon sein.“ Und nach einer kleinen Pause: „Ich war ein schlimmer Finger. Eines Tages stand hier eine junge Frau aus der Schweiz vor mir, die war 24, und die hat gesagt: Du bist mein Vater. Da hab ich kurz nachgerechnet. Das war in Zermatt.“ Gustav Ribbe erzählt das weder stolz noch hadernd. „Ich war halt immer verliebt.“




Eines Tages hat er einen Gastwirt aus Cuxhaven kennengelernt. Der hat ihn eingeladen bei ihm im Haus zu spielen. Freie Kost und Logis, solange er lebt, das hatte der Gastwirt ihm versprochen und auch gehalten. „Da hatte ich eine schöne Wohnung und Platz. Leider ist er aber schon nach wenigen Monaten gestorben.“
Heute lebt Gustav Ribbe allein in einer kleinen Ein-Zimmer Wohnung. Dort ist er von Notenbüchern umgeben: er spielt alles vom Blatt und betont, dass er jeden Tag was anderes spielen kann.

Irgendwann geht eine Kellnerin zu Gustav Ribbe ans Keyboard; gleich muss er Feierabend machen. Gustav zückt sein Portemonnaie und zahlt das Weizen, das neben ihm steht. Eine Frau aus dem Publikum wirft Geld in die rote Dose daneben.
„Und jetzt noch eine Samba aus Brasilien!“ ruft Gustav ins Zelt. Draußen regnet es noch immer.

Sonntag, 20. März 2016

Nebel über Helgoland



Als das das Schiff anlegt ist der Himmel über Helgoland grau. Die Überfahrt war ruhig, aber kalt. Anfangs sind viele Menschen an Deck umhergelaufen, doch schon bald waren es nur noch ein paar wenige. Die meisten einfache Arbeiter, zumeist Polen wie mir scheint. Zwei von ihnen stehen während der ganzen Fahrt. Eine Hand in der Tasche, in der anderen Hand halten sie abgegriffene Plastiktüten. Manchmal reden sie ein paar Worte. Ansonsten gucken sie in die Ferne. Es sitzen auch ein paar deutsche Handwerker draußen. Auf dem Rücken ihrer Arbeitskleidung steht, welchem Gewerk sie angehören. Einer packt seine Butterbrotdose aus, in der all seine geschmierten Brote und irgendwelche Würste nochmal in Alufolie eingewickelt sind. Ich merke, dass ich Hunger habe und laufe eine Runde durchs Schiff.
Drinnen sitzen überwiegend Touristen. Es ist warm und das Meer ist plötzlich weit weg. Der kleine Schiffskiosk ist leergekauft. Ich setze mich wieder nach draußen und denke fasziniert, was es doch für einen enormen Unterschied macht, ob man drinnen oder draußen ist. Besonders auf dem Meer.



Ein paar Stunden später laufe ich den Klippenrundweg auf dem Oberland entlang. Viel sehen kann ich nicht, es ist neblig. Einen Ort im Nebel zu erkunden ist eine feine Sache. Es ist ein langsames sich annähern, ein behutsames Aufeinandertreffen. Ich mag das. Nur Stück für Stück gibt die Landschaft etwas von sich preis. Farben, Formen und Geräusche sind gedämpft. Fast ist es, als würde die Insel sagen: Wenn du dich wirklich für mich interessierst, dann nimmst du mich auch so.
Man ist mit sich und der Umgebung allein, ein exklusives Nebel-Tête-à-Tête. Die Ferne bleibt im Verborgenen, mit dem Nahen kann man sich verbinden, eine eigentümlich intime Entdeckungsreise.













Auch den Lummenfelsen kann ich zunächst nicht sehen. Dafür begrüßt mich eine spektakulärer Chor aus Vogelgeschrei. Von der trägen Ruhe, die der Nebel übers Land geworfen hat, sind Basstölpel und Möwen völlig ungerührt. Es herrscht ein geschäftiger Lärm der mich zum Lachen bringt, und der, weil ich noch gar nichts erkennen kann, auch einen wohligen Grusel erlaubt. Schließlich schälen sich die ersten Vögel aus dem grauen Dunst.

















Auch das Unterland liegt verlassen da. Ein Mann eilt mit Feierabendschritten an mir vorbei, in der Hand eine Pizzaschachtel. Er verschwindet in einem Appartementhaus. Bestimmt ein Off-Shore-Arbeiter, spekuliere ich vor mich hin, und bin ein wenig neidisch auf einen Alltag am Meer.








In den nächsten Tagen ist der Himmel meistens so blau, wie ich ihn für meine Arbeit brauche. Es ist noch immer wunderbar kalt. Als ich am Tag meiner Abreise wieder aufs Schiff gehe, scheint die Sonne. Viele Menschen sitzen an Deck. Noch bevor wir ablegen dreht das Wetter. Wolken ziehen auf und bringen Nebel mit sich. Helgoland verschwindet im grauen Dunst. Der Nebel winkt sachte herüber und macht mir den Abschied schwer.

Später kommen ein Mann und eine Frau durch die schwere Eisentür an Deck. Sie gehen ein paar Schritte und kehren rasch wieder um. Der Mann sagt: „Das bringt doch nix, wenn man nichts sieht.“